Rezension | Der kleinste Kuss der Welt | Mathias Malzieu

Originaltitel: Le plus petit baiser jamais recensé | Reihe: - | Übersetzung: Sonja Finck
Verlag: carl's books, August 2015 | Ausgabe: Paperback | Seiten: 144 | Preis: 12,99€ | Hier kaufen.

Ich hatte den kleinsten Kuss der Welt im Théâtre du Renard verloren. Er war mir mitten in der Nacht beim Tanzen von den Lippen geglitten, als mein Blick auf ein blaues Petticoatkleid mit großen weißen Tupfen fiel. Anmut, Sinnlichkeit und Verlockung. Ein Hauch von Geheimnis. Immer, wenn ich mich ihr nähern wollte, entwischte sie mir. Nach einem getänzelten Slalom stand ich endlich der Frau gegenüber, die mich magnetisierte. Ich brachte kein Wort heraus. Aus Angst, die Flut könnte sie abermals davonspülen, küsste ich sie. Der Anflug eines Kurzschlusses. Wir berührten einander kaum. Der kleinste Kuss der Welt. Ein grelles Licht, und dann nichts. Sie war fort. Als wäre ihr Mund ein magischer Schalter – wenn man ihn umlegt, löst sie sich in Luft auf. Ich hörte sie davongehen, hörte ihre Schritte verklingen. Sie war also gar nicht verschwunden, sie war bloß unsichtbar geworden! Wir hatten einander den kleinsten Kuss der Welt gegeben, und sie hatte sich verflüchtigt, abrupt wie ein Stromausfall. Ich musste sie unbedingt wiederfinden. (Quelle: carl's books Verlag)

MEINUNG

Ein Erfinder küsst eine Frau - und diese ist im nächsten Moment unsichtbar. Also macht er sich auf den Weg zu einem Detektiv, der ihm seinen Papagei ausleiht. Dieser Papagei kann Sprachnachrichten übermitteln und soll dem Erfinder helfen, die unsichtbare Frau zu finden. Klingt skurril? Ohja! Nicht ganz von dieser Welt? irgendwie schon! Ist es lesenswert? Absolut! 

Die Mechanik des Herzens, das Debut des Autors, konnte mich absolut überzeugen und umso mehr habe ich mich gefreut, als ich endlich dieses Buch von ihm lesen durfte. Von Anfang an fiel der sehr bildliche Schreibstil auf. Fast jeder Satz ist eine Metapher - und was für welche! Aber nicht solche, die im Deutschunterricht für Frustration sorgen, sondern wunderschön ausgedrückte kleine Wahrheiten. 

"Über meinem Kopf hing ein Dauertief. Mich konnte niemand retten, und was noch schlimmer war: Ich konnte auch niemanden sonst retten. Man muss sich erst selbst helfen, bevor man auch nur daran denken kann, jemand anderem zu Hilfe zu kommen."

Was mit besonders gefallen hat ist, dass diese eigentlich unnormalen Dinge wie unsichtbar werden oder ein Sprachnachrichten übertragender Papagei als vollkommen normal dargestellt und hingenommen werden. Niemand wundert sich und für jeden scheint es alltäglich mit solchen Dingen umzugehen. Dabei handelt es sich gar nicht um eine Fantasiewelt. Es spielt einfach in Paris. 

Der Autor schafft es mit wenigen Worten das auszudrücken, wofür andere ganze Bücher brauchen. Es findet sich ein Tiefgang wieder, den man bei knapp 150 Seiten nicht vermuten mag. Aber sobald ich das Buch aufgeschlagen hatte, hatte ich das Gefühl, in der Geschichte zu sein, die Charaktere und Orte zu kennen. Und so flog die Geschichte dahin und der Erfinder erlebt Erfolge, Tiefschläge und gibt die Hoffnung nicht auf - er will die Unsichtbare Frau finden. Mit allen Mitteln versucht er es und so erfährt man dann zum Beispiel, wie man einen Kuss nachbacken kann. Eben ein kleinster Kuss der Welt.

"Als ich die Wohnung verließ, hatte ich mehrere Tüten mit meinen letzten Schallplatten, Büchern, DVDs und gemischten Gefühlen in der Hand."

Die Geschichte wird vor allem durch den Drang, die unsichtbare Frau zu finden, vorangetrieben, aber trotzdem wurde viel Mühe darin gesteckt, Gefühle rüberzubringen. Jede Person hat so viele Charakterzüge, dass man sofort weiß, mit wem sich der Erfinder unterhält. Und wie man es auch schon aus den anderen Büchern kennt, gibt es zwischendurch einige Überraschungen und das Ende war eine der größten. 

Ich kann dieses Buch nur jedem ans Herz legen. Es ist ein Buch zum immer und immer wieder lesen. So eine normale fantastische Welt gibt es selten, also ergreift die Chance und lest euch hinein.

DER AUTOR

Mathias Malzieu, geboren 1974 in Montpellier, ist Frontmann der französischen Kultband "Dionysos" und hat bereits mehrere Bestseller geschrieben. Er ist ein Meister im Erfinden von einzigartigen romantischen Traumwelten. Die Mechanik des Herzens wurde zum internationalen Überraschungsbestseller. Zuletzt erschien von ihm bei carl's books Metamorphose am Rande des Himmels. (Quelle: carl's books Verlag)

WEITERE BÜCHER DES AUTORS

Einzelromane: Die Mechanik des Herzens | Metamorphose am Rande des Himmels

Kommentare:

  1. Hallöchen,
    ich habe die beiden anderen Bücher des Autors gelesen und ich habe "Die Mechanik des Herzens" geliebt, aber "Metamorphose am Rande des Himmels" fand ich eher merkwürdig und konnte mich nicht richtig hineinfinden. Daher habe ich von diesem Buch erst einmal Abstand genommen, aber irgendwie .. also deine Rezension klingt auf jeden Fall super. Ich werde doch mal reinschauen. :D

    Liebst, Lotta

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    1. Unbedingt!

      Ich habe durch meine Ausbildung mal was mit Metamorphose am Rande des Himmels machen müssen und dieses hier und die Mechanik des Herzens sind da ganz anders.

      Liebe Grüße :)

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  2. Hallo :)

    Ich muss zugeben, deine Rezension hat mein Interesse geweckt, obwohl ich mich Geschichten dieser Art nur zaghaft nähere. Aber es klingt total charmant und wandert gleich einmal auf die WL.

    Liebe Grüße,
    Nicole

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    1. Einen Versuch ist es bestimmt wert! :)

      Liebe Grüße!

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